Ich wohne im Ruhrgebiet. Die Anreise nach Mittenwald sollte eigentlich mit dem Zug erfolgen - bis ich leider feststellen musste, dass die Anreise mit der Bahn im Verhältnis zu einer Flug-Bahn-Kombination unverhältnismäßig teuer war. Ich bin daher von Dortmund nach München geflogen. Abflug Dortmund kurz nach sechs, Ankunft München kurz nach sieben. Beim Betreten der Ankunfthalle wartete mein schöner blauer Rucksack schon auf dem Band, fünf Minuten später stand ich am Fahrkartenschalter der Bahn, weitere zehn Minuten später saß ich schon im Zug Richtung Mittenwald. Das habe ich knapp drei Stunden später erreicht - eine fast schon zu perfekte Anreise.
1. Tag: von Mittenwald nach Reith
Sauber! Der erste Tag beginnt mit dunklen Wolken und Regen. Ich habe beim Aufstehen schon das Gefühl, mich in den Zug setzen und a) zur ersten Teiletappe oder b) heim zu fahren. Ernsthaft: nach einem kräftigen Frühstück und einem Smalltalk mit der Chefin meiner Unterkunft – einer echten „Grande Dame“ – sieht die Welt schon anders aus. Es tröpfelt zwar immer noch, dem Start steht aber nichts mehr im Weg.
Nach zwei Kilometern schellt mein Handy mit einer unbekannten Nummer. Ich unterdrücke, weil ich glaube, dass t-online mir mal wieder einen supergünstigen neuen Tarif andrehen will. Es schellt erneut, ich gehe dran. Die Grande Dame: ich habe meine ec-Karte im Hotel vergessen. Kann eine Wanderung besser beginnen als mit solchen Pannen? Dankenswerterweise fährt grad zufällig jemand vom Hotel in meine Richtung und bringt sie mir. Schön… Denn so ganz ohne Geld wäre das wohl nichts gewesen in den nächsten knapp zwei Wochen.
Der Gang selbst ist zunächst relativ einfach. Von Mittenwald über Scharnitz nach Gießenbach führt mich der Weg flach am Fluss entlang.
In Gießenbach überlege ich, ob ich die Strecke westlich der Straße nehme (über Bauernwald) oder die im „Goetheweg“-Reiseführer ausgeschriebene Variante über den Hirnweg wähle. Ich entscheide mich für den Hirnweg. Der ist nach der Kreuzung der Hauptstraße in der Tat (wie im „Goetheweg“-Reiseführer beschrieben) zunächst sehr steil, dann aber ebenso schön: immer am Bahndamm entlang… allerdings halt auch immer mit einer mittleren Steigung.
Nach dem Playcastle entscheide ich mich, nicht den direkten Weg nach Seefeld zu nehmen, sondern mich links in die Berge zu schlagen. Es folgt ein sehr steiler Weg, soll heißen: erst steil rauf, dann steil runter. Immer wieder bietet er aber fantastische Blicke ins Tal und auf Seefeld.
In Seefeld angekommen, überlege ich, ob ich bleibe (wie eigentlich geplant) oder noch ein wenig weiterlaufe. Der Ort Seefeld nimmt mich nicht gleich gefangen, und da die Füße noch halbwegs fit sind, laufe ich weiter. Bis nach Reith müsste es eigentlich noch klappen.
Der Weg von Seefeld nach Reith ist neu und offenbar ein anderer als der, der noch im „Goetheweg“-Reiseführer beschrieben worden ist. Am Ortsausgang von Seefeld, nach Passieren des Wildsees, zweigt rechts ein neuer Weg ab, der durch eine wunderschöne Auenlandschaft führt. Ein Traum: alles blüht, alles riecht, Vögel zwitschern - Natur pur!
Im Anschluss an die Ortschaft Auland zieht sich die Strecke bis Reith ein wenig. In Reith frage ich im „Touristikzentrum“ (na ja…) nach einer Unterkunft und erhalte die Auskunft: alles frei, such Dir was aus!
Ich entschließe mich für das „Weiße Rößl“, eine gute Wahl (Gasthof Weißes Rößl, Famile Egger-Nairz, Römerstraße 35, A-6103 Reith bei Seefeld, Tel. +43 5212 52622, www.roesslwirt.at) ! Ich setze mich auf die Terrasse, bestelle mir ein Bier und komme schnell in ein Gespräch mit vier Österreichern (Gespräch heißt: sie reden und ich versuche, ihren Dialekt zu verstehen). Ein netter Nachmittag und Abend, an dem ich mich noch mit der Chefin des Hauses unterhalte. Unter anderem echauffiert sie sich darüber, dass es nicht nachvollziehbar sei, dass sowohl der Ort Reith als auch ihr Gasthaus in kaum einem Reiseführer erwähnt werde, obwohl es Nachweise gäbe, dass Goethe auf seiner Reise über die Alpen exakt durch Reith gekommen sei. Wenn sie recht überlege, so sagt sie, habe er wahrscheinlich sogar im "Weißen Rössl" übernachtet, womöglich sogar in "meinem" Zimmer? Weiß man's???
2. Tag: Von Reith nach Götzens
Der Weg ab Reith ist leider ziemlich schlecht ausgeschildert. Ich finde zwar den im Reiseführer „Goetheweg“ genannten Meilerhof relativ schnell, doch mir bleibt unklar, wie es von dort zum angeblich dringend erforderlichen Weg Nr. 11 bzw. zum Riedsteig geht. Ich laufe ein wenig an der Straße entlang, und dass ich dann tatsächlich noch den richtigen Weg finde, bleibt wohl eher einem Zufall und einer gehörigen Portion Glück überlassen. Auf jeden Fall scheint es mir wichtig zu sein, in diesem Bereich über gutes Kartenmaterial zu verfügen!
Ich halte mich Richtung Zirlerberg - ein Restaurant, das an den meisten Wegkreuzungen ausgeschildert ist. Immer hundert prozentig sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, bin ich nicht - ein wenig Glück und Orientierung am Sonnenstand gehört schon dazu.
Die Ausschilderung steht im Gegensatz zum Weg: der ist nämlich wunderschön, es geht ganz leicht bergab, durch einen dichten Wald, es wird sehr eng und der Weg windet sich stark. Man muss des öfteren sehr genau hinschauen, um die entscheidenden Wegweiser zu finden.
Der Rasthof Zirlerberg erscheint mir dann eher ungastlich. Ein riesiger Busparkplatz und die Tatsache, dass der Rasthof an einer Hauptstraße gelegen ist, sind bereits deutliche Hinweise auf die Klientel, die im Zirlerberg gern gesehen ist. Ich frage nach dem Wanderweg nach Zirl – man kennt ihn nicht, verweist mich auf die Straße bergab, die ich dann auch nehme. Es gibt dort leider keinen Bürgersteig und sie ist viel befahren, ich komme mir hier ein wenig vor wie Hape Kerkeling auf den dramatischsten Seiten seines „Ich bin dann mal weg…“.
Ich hatte mir am Vorabend überlegt, von der vorgeschlagenen Route des „Goetheweg“-Reiseführers abzuweichen und nicht nach Völs zu gehen. Stattdessen will ich in Götzens gucken, ob die dortige Seilbahn zum Pfriemesköpfl in Betrieb ist. Wenn ja, dann will ich in Götzens übernachten und am nächsten Tag in der Früh hochfahren, um dann Richtung Patsch weiterzulaufen. Wenn nein, kann ich von Götzens aus immer noch zu Fuß weiterlaufen.
Es herrscht übrigens strahlender Sonnenschein, ein paar blaue Wölkchen zieren den Himmel und ein laues Lüftchen weht. Traumhaftes Wanderwetter, ich bin glücklich, laufe, laufe, laufe...
Von Zirl geht es weiter über den Inn nach Kematen. Dort esse ich in einer Bäckerei einen Salat, trinke ein Wasser und merke, dass es in den Füßen kribbelt: ich will weiter!
Die Wege in Kematein sind schlecht ausgeschildert. Ich frage eine Frau nach der richtigen Wegstrecke. Wort- und gestenreich erklärt sie mir, wo es langgeht. Ich gehe, bin aber unsicher, ob ich richtig bin. Die Karte hilft mir leider nicht weiter: wenn Du nicht genau weißt, wo Du bist, kannst Du auf der Karte auch nicht sehen, ob es links oder rechts herum geht... Götzens, mein vermeintliches Ziel, steht jedenfalls auf keinem der Wegweiser.
Irgendwann stoße ich auf einen Weg, der Kristenkammweg heißt. Da die Ortschaft Kristen im weitesten Sinn in Richtung Götzens liegt, nehme ich den. Sehr steil und sehr eng geht es aufwärts. Ich schwitze stark und bin mittlerweile ziemlich platt.
Als ich das Waldstück, durch das es mich zieht, verlassen habe, sehe ich ein Ortsschild: Omes.
Dort packe ich meine Karte aus, ich bin nach wie vor relativ orientierungslos. Ich weiß nicht recht, in welche Richtung ich weiter laufen muss. Es macht sich ein Hauch von Verzweiflung breit, als ein roter Mitsubishi-Van anhält und ich von zwei netten Blondinen gefragt werde, ob sie mir helfen können, ob sie mir den Weg zeigen oder mich mitnehmen sollen. In dem Moment schießen mir die Worte einer Freundin durch den Kopf, die mir vor Beginn gesagt hat, es gäbe nur zwei Gründe, einen Streckenabschnitt mit dem Auto zurückzulegen: a) Du hast einen Notfall oder b) eine hübsche Blondine will Dich mitnehmen. Ich fühle in diesem Moment beides, meine körperliche Verfassung gleicht einem Notfall und die Zahl der Blondinen wird sogar noch verdoppelt. Auf einer Strecke von etwa vier Kilometern nehmen die beiden mich mit und liefern mich in Götzens direkt vor dem (nur von außen mondän wirkenden, von innen aber mit vielen Antiquitäten gefüllten) Alp Art Hotel (Burgstraße 7) ab. Super.
Leider bietet Götzens nicht viel, was eher noch übertrieben ist. Ich finde sogar nur mit Problemen ein Restaurant. In dem unterhalte ich mich ein wenig mit dem Kellner, der mir leider bestätigt, dass die Seilbahn auf den Hausberg nur im Winter in Betrieb ist. Meine Pläne, den Weg über den Pfriemsköpfl zu nehmen, begrabe ich daher - bin aber nicht wirklich böse, denn der Kellner prognostiziert mir einen herrlichen Weg über Natters.
3. Tag von Götzens nach Patsch
Wie meistens wache ich früh morgens auf. Ich bin guter Dinge, trotz dicker Wolken und leicht einsetzendem Regen. Ich starte trotzdem, natürlich.
Der Weg von Götzens nach Natters ist tatsächlich sehr schön, exakt so, wie der Kellner am Vorabend das angekündigt hat. Er führt oberhalb der Bundesstraße durch einen Wald. Von Natters nach Mutters sind es nur wenige Meter an einer Straße entlang. Als ich in Mutters an einer Kreuzung stehe und meine Karte studiere, hält eine Frau an, die fragt, ob sie mir helfen könne. Ich sage, dass ich nach Patsch wolle und ernte einen bemitleidenswerten Blick: „Zu Fuß???“ Sie macht mich darauf gefasst, dass ich von Mutters ganz tief runter ins Tal muss, weil das die einzige Möglichkeit ist, die Sill und die Brennerautobahn zu queren. Dann müsse ich allerdings wieder steil hoch nach Vill und Igls.
Ich frage mich, wo das Problem ist. Ich bin doch schließlich hier, um zu wandern - und dass es in den Alpen mal rauf und mal runter geht, ist doch wohl völlig normal!
Auf geht’s!
Der Weg von Mutters nach Gärberbach ist gut ausgeschildert. Am Ende von Gärberbach kreuzt eine Holzbrücke die Sill, dann geht es (wie im „Goetheweg“-Reiseführer, auf dessen Fährten ich seit Mutters wieder wandere, beschrieben) rechts bergauf.
Nach dem zweiten Tunnel (unter der Brenner-Autobahn) ist der Reiseführer etwas ungenau: Man geht nach dem Tunnel zunächst rechts herum, die Autobahn liegt rechter Hand. Der Weg ist hier leider nicht ausgeschildert! An der Autobahnauffahrt vorbei nach etwa 200 Metern links in die Straße rein, vor der halbrechts liegenden Mülldeponie muss man halblinks dem Straßenverlauf folgen.
Wenn man auf diesem Weg etwa 20 Minuten relativ steil bergauf geht, muss man sich kurz hinter einem Gehöft (keine Panik, der Hund ist zwar laut, aber er will nur spielen…) entscheiden: Geradeaus an der Straße lang Richtung Vill (der längere, nicht so steile Weg) oder rechts hoch in den Wald (der im „Goetheweg“ beschriebene Streckenverlauf). Ich kann die Formulierung im Reiseführer, dass es „fast senkrecht“ hochgehe, nicht wirklich glauben…… - bis ich es nach etwa 200 Metern vor mir sehe. Holla! Die Steigung ist wirklich extrem!!!
Endlich angekommen auf der Hochebene bläst mir ein kräftiger Wind ins Gesicht. Ich gehe nach Vill, und gleich am Ortseingang wende ich mich nach rechts Richtung Patsch.
Der Weg nach Patsch zieht sich sehr, vor allem bläst mir ein heftiger Föhnwind ins Gesicht und die Wolken ziehen sich bedrohlich zusammen. Es tröpfelt immer wieder ein wenig, aber ich bin Optimist: der liebe Gott hatte mir kurz vor Natters gesagt, dass er auf meiner Seite ist und dass das Wetter halten wird. Er hält sein Versprechen, denn es beginnt erst heftig zu regnen, nachdem ich den von mir gewählten Gasthof Zum Bären betreten habe. Das Zimmer ist okay, es hat vor allem eine Badewanne, der ich meinen Körper anvertraue. Ich bemerke hier erstmals zwei ziemlich dicke Blasen an den Füßen, die mir in den nächsten Tagen noch einige Sorgen bereiten sollen.
Dennoch und trotz der einen oder anderen Unpässlichkeit wie Wind, Regen oder schmerzenden Füßen: ich bin endlos glücklich! Wie bereits an den Tagen zuvor überfällt mich förmlich spätestens in dem Moment ein riesiges Glücksgefühl, in dem ich geduscht habe und mich in halbwegs frischer Kleidung auf ein Bier und ein leckeres Essen freue.
Interessanterweise (und das gilt nicht nur für den heutigen, sondern für alle Tage der Wanderung) habe ich nie, nie, nie das Gefühl, dass diese Reise mich nervt, stelle sie nicht in Frage, frage mich nicht, ob ich noch alle Sinne beisammen habe. Ganz im Gegenteil: selbst in den Momenten, wo es super-steil hochgeht und die Anstrengung groß ist oder auch in den seltenen Zeiten, in denen es regnet, siegt immer wieder das positive Denken. Und alle Anstrengung ist schließlich nichts für das beglückende Gefühl, eins zu sein mit der Natur.
4. Tag von Patsch nach Steinach
Nachdem es am Vorabend noch kräftig geregnet hat, bin ich beim Aufwachen vom Wetter überrascht: Trocken, blauer Himmel mit dicken, weißen Wolken. Beim Frühstück treffe ich das Wirtsehepaar an, die beiden sind offenbar gerade aus dem Bett gefallen. Beide prognostizieren mir einen einfachen Weg bis Steinach und halten es problemlos für möglich, bis nach Gries durchzulaufen.
Ich bin dann um neun Uhr auf der Piste (relativ spät für meine Verhältnisse). Bereits nach wenigen Metern kommt mir mitten auf der Straße ein alter Mann entgegen. Er grüßt freundlich, ich grüße zurück. Wir sind schon fast aneinander vorbei, da bleibt er stehen, fast erstarrt, schaut mich an und fragt: „Hast scho g’wählt?“ Heute ist der Tag der Europawahl und ihm scheint wichtig zu sein, dass die Wahlbeteiligung in die Höhe getrieben wird – und ich meinen Beitrag dazu leiste. Wir sind in Windeseile in einer höchst amüsanten politischen Diskussion – und ebenso eilig wieder aus ihr heraus, weil er sich mit einem freundlichen „I geh jetzt wählen“ winkend verabschiedet.
Der Weg geht tatsächlich an einer Straße entlang, durch das schöne St. Peter und Mühltal. Am Ende von Mühltal, bei der Feuerwehr, schlage ich mich links hoch auf den Bergweg, den Wipptaler Wanderweg – der mir noch auf vielen Kilometern meiner Wanderung begegnen wird.
Im „Goetheweg“ wird der auch zitiert und gut beschrieben – allerdings habe ich Zweifel, ob er auf der Karte des Buchs richtig eingezeichnet ist. Ich vermute, dass die Zeichnung sich auf die etwas weiter talwärts gelegene Straße bezieht.
Auf der Wipptaler Wanderweg ist in diesem Bereich eine Straße, für Autos freigegeben. Ich begegne aber keinem.
Der Weg ist durch einige Windungen deutlich länger als die im Tal verlaufende Straße. Ich erkenne schnell, dass es wohl nichts wird mit der Wanderung bis Gries. Egal, ich gehe weiter durch kleine Dörfer, die alle zur Gemeinde Ellbögen gehören.
In Höhe der Ortschaft Ried fängt es an zu regnen. Erst leicht, dann stärker, dann heftig. Ich finde Unterschlupf am Carport eines Hauses, ziehe mich an (es wird ganz plötzlich saukalt…) und hoffe, dass genau jetzt wieder zwei Blondinen vorbeikommen… Aber es passiert nichts, ich sitze allein auf dem Boden unter dem Carport und schaue dem Regen zu.
Nach einer halben Stunde wird es heller, der Regen wird weniger und ich packe den Regenschutz auf den Rucksack, ziehe die Regenjacke an und gehe weiter. Schon zehn Minuten später herrscht wieder das schönste Wanderwetter. Ich gehe durch Pfons und Matrei – ohne Stopp, obwohl ich nichts zu essen dabei habe. Ich habe komischerweise schon den ganzen Weg wenig Hunger. Na ja, abends schon…
Von Matrei bis Steinach zieht sich der Weg dann noch ganz schön in die Länge. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob der Wipptaler Wanderweg hier wirklich die kürzeste Alternative ist. Nach zweimaligem Fragen komme ich dann an das Ufer der Sill, an dem entlang ich einen sehr schönen Weg bis Steinach gehe.
Kurz vor Steinach holt mich ein anderer Wanderer ein, ein älterer Herr. Wir gehen den letzten Kilometer zusammen. Er kommt aus Steinach, läuft jeden Tag seine Kilometer, um fit zu bleiben, und erzählt mir auf der kurzen Strecke unseres gemeinsamen Weges einige Anekdoten aus dem Dorfleben.
Im Ort komme ich im Hotel Zur Rose unter, das ich schon zu Hause auf einer Homepage ausgeguckt hatte. Es ist, na ja: etwas unpersönlich. Aber für eine Nacht okay.
5. Tag: von Steinach nach Brenner
Ich erwache früh, bin erwartungsvoll und freue mich, dass es weitergeht auf meiner Strecke. Ich frühstücke kräftig – nicht zuletzt, weil ich Respekt vor der heutigen Wegführung habe. Sie ist im „Goetheweg-Reiseführer" sehr kompliziert erklärt und ich bin nicht sicher, ob ich das alles verstehe. Ich überlege schon ernsthaft, einfach der Straße entlang zu gehen, vielleicht ist das der sicherste Weg?
Dass mein Respekt vor der Strecke berechtigt ist, wird spätestens auch dadurch dokumentiert, dass ich mich an der Rezeption des Hotels noch mal intensiv nach Länge, Wegführung und Wetter erkundige. Es tröpfelt beim Start ein wenig, der Himmel ist grau. Ich laufe über den schon bekannten Wipptaler Wanderweg. Wichtig für den Start und im „Goetheweg“ ein wenig missverständlich formuliert: der Weg geht auf der dem Ort abgewandten Seite der Eisenbahnlinie entlang.
Überhaupt hat sich auf diesem Weg – gemessen an den Beschreibungen im „Goeteheweg“ – vieles geändert. Ich versuche das mal zusammenzufassen:
Bis Stafflach:
Bis Stafflach ist das ein fantastischer, toll ausgebauter und offenbar neu angelegter Weg oberhalb der Bahnlinie. Nichts zu spüren von den im "Goetheweg" beschriebenen starken Steigungen, nichts von Wurzeln auf dem Weg etc. Auch kein Tiergatter, was man angeblich umschiffen muss. Die Wegstrecke ist einfach ein Genuss!
Von Stafflach nach Gries:
Vorab: wenn man nach Stafflach kommt, NICHT der Beschilderung "Wipptaler Wanderweg" oder "Jakobsweg" folgen. Der Weg führt irgendwohin (ich habe fast die Vermutung: wieder zurück!), nicht aber nach Gries. Richtig ist, was im "Goetheweg" steht: zur Kreuzung im Ort gehen, dort links abbiegen in Richtung St. Jodok und dann nach etwa 100 Metern steil rechts hoch. Das ist ganz gut ausgeschildert. Was ich absolut nicht bestätigen kann, sind die Ausführungen, die dann im "Goetheweg" folgen. Es geht nämlich nicht 15 Minuten, sondern mindestens eine gute Stunde bergan, und zwar auf einem sehr engen Waldweg, der zu Teil steil an einem Hang entlangführt. Der Weg ist glitschig und auf ihm liegen (offenbar schon seit langer Zeit) Dutzende umgestürzter Bäume, über die man klettern muss. Das macht im normalen Leben schon wenig Spaß, was es mit gut 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken bedeutet, mag ein jeder ermessen, der es mal gemacht hat.
Der Weg ist aus rein wandertechnischen Gründen eine Katastrophe! Man kommt schlecht voran und muss schon gut aufpassen, wo man geht. Andererseits bietet er Natur pur, man ist hier wirklich eins mit Wald und Wiese. Von daher: man sollte sich gut überlegen, ob man ihn wählt oder aber sich für die (sicherlich aber viel langweiligere) Wegführung über die im Tal bis Gries laufende Straße entscheidet.
Von Gries nach Brenner:
In Gries werden die Wolken dunkler. Ich gönne mir einen Apfelstrudl und beobachte das Wetter. Es bleibt bedrohlich, beginnt aber nicht zu regnen. Also laufe ich weiter. Ich neige dazu, den ganzen Weg entlang der Straße zu gehen, um eventuell bei Regen ein Auto anhalten zu können. Der Weg an der Straße entlang ist aber nicht wirklich lustig, natürlich gibt es dort keinen Fußweg und die Autos und Motorräder fahren schnell. So entschließe ich mich, entsprechend der Empfehlung im "Goetheweg-Reiseführer", an der Sportanlage / Kirche abzubiegen. Es beginnt zu regnen. An dem beschriebenen Trafohäuschen wechsle ich zur Regenvariante: Rucksack in Plastik, ich in Regenjacke eingepackt und weiter geht es.
Ich gehe quer durch Wiesen und meine Hose und meine Schuhe sehen entsprechend aus.
Direkt unter der Brenner-Autobahn treffe ich auf einen Motorradfahrer aus Deutschland, der dort Schutz vor dem Regen sucht und Pause macht mit geschälten und geviertelten Äpfeln sowie hartgekochten Eiern. Ein Mittfünfziger, der mir offenbar ansieht, dass ich "not amused" bin über das Wetter. Er hält mir mit den Worten "das hebt Deine Laune" ein Apfelviertel hin. Stimmt. Wir unterhalten uns übers Motorradfahren, übers Wandern und über die Frage, ob es Sinn macht, auf solchen Touren seine Frau mitzunehmen. Ich schenke mir die Antwort an dieser Stelle, der Biker und ich waren uns allerdings über die Antwort einig.
Der Weg geht rechts ab, am Brennersee vorbei.
Der Himmel reißt auf, der Regen hört auf. Am Ende des Brennersees steht ein Schild, das einen rechts ab Richtung Brenner führt. Der "Goetheweg"-Reiseführer empfiehlt hingegen, links abzubiegen - ich folge diesem Rat und warne an dieser Stelle ausdrücklich, es mir nachzutun: der Weg links herum führt über den Auf- bzw. Abfahrtbereich der Brennerautobahn! Man ist für ca. 300 Meter ein "Geisterwanderer"...
In Brenner angekommen, beginnt es
a) wieder leicht zu regnen, bin ich
b) noch fit und finde
c) den Ort ganz grausam.
Ich entschließe mich spontan, diese Ansammlung von Outlet-Shops zu verlassen und Richtung Brennerbad weiterzugehen.
Diesen Entschluss bereue ich bereits 200 Meter später. Es fängt nämlich plötzlich wolkenbruchartig an zu regnen. Tapfer gehe ich noch weitere 200 Meter weiter, bis ich mich nach meinem Geisteszustand frage und ganz schnell umdrehe. Fast im Dauerlauf erreiche ich Brenner erneut, dieses Mal aus südlicher Richtung. Die erstbeste Unterkunftsmöglichkeit ("Hotel Olimpia") steuere ich an - objektiv und in der Nachschau betrachtet sicher die schlechteste aller Unterkünfte auf der Reise, umgekehrt: in diesem Moment (nassgeregnet und verfroren) ein Juwel.
Ich wasche und dusche mich, betreibe Fußpflege und ärgere mich über einen taktischen Fehler: als ich nämlich mit der Körperpflege fertig bin, ist draußen das schönste Wetter, der Himmel ist blau, die Sonne scheint... Ich hätte einfach irgendwo bei einer Tasse Kaffee abwarten sollen. Egal.
6. Tag: von Brenner nach Sterzing
Die alte Chefin des Hotels ist eine echte "italienische Mama". Sie begrüßt mich zum Frühstück - und sie tröstet mich auch über den morgendlichen Regen hinweg, der nach einer dritten oder vierten Tasse Kaffee dann auch endet. Ich laufe los.
Bis Brennerbad geht der Weg ausschließlich an der Straße entlang. Entsprechend der Empfehlung im "Goetheweg"-Reiseführer verlasse ich die Hauptstraße in Brennerbad. Am Umspannwerk ist mir das alles nicht mehr sehr geheuer. Ich sehe zwar noch den Pfad durch die Wiese, der im Reiseführer beschrieben wird (zwischen dem Umspannwerk und dem Eisenbahntunnel), der führt aber direkt auf den Eisenbahntunnel zu und durch diesen zu laufen habe ich nun wirklich wenig Lust. Wie aber soll ich auf die andere Seite der Bahngleise kommen (wo ich laut "Goetheweg" hin muss)?
Ich gebe auf, drehe um und gehe wieder auf die Straße zurück. Von dort erkenne ich, dass es tatsächlich anscheinend einen Fußweg über die Bahngleise gibt. Das alles ist aber schon sehr suspekt...
Der Weg an der Straße entlang ist allerdings auch nicht der Bringer: wie immer kein Fußweg und wie häufig sehr schnell fahrende Autos.
Nach geraumer Zeit treffe ich endlich auf die im "Goetheweg"-Reiseführer beschriebenen ehemaligen Bahngleise, die ich einige Kilometer lang begehe. Zumindest für den ersten Teil gilt: attraktiv ist was anderes. Rechts von mir ein Berg, links die Brennerautobahn und eine vielbefahrene Bundesstraße. Die alte Bahnstrecke wird im Moment zu einem Rad- und Wanderweg ausgebaut (von Brenner bis Bozen!), er ist zwischen Brenner und Steinach zur Zeit aber noch häufig eine Lehm- und Schotterpiste.
Irgendwann geht der Weg dann links hinab nach Gossensaß. Schon von oben ein herrlicher Anblick. Ich trinke mir im Ort einen Kaffee, frage kurz und zum Glück nach dem Weg und ziehe weiter. Zum Glück deshalb, weil an wissen muss, dass man auf die andere Seite der Bahnlinie muss, und das geht nur durch einen kleinen Tunnel, der sich rechts neben dem Bahnhof befindet (was so nicht im "Goetheweg"-Reiseführer steht).
Noch eine Korrektur zum Goetheweg: der Weg nach Steckholz steigt sehr steil an, sobald man die Eisack überquert hat, und zwar auf dem ganzen Weg nach Steckholz (laut Schild 16 % Steigung).
Von Steckholz aus geht die Straße bis Sterzing bergab in vielen langen Windungen.
Sterzing gefällt mir auf Anhieb. Ich drehe auf der Suche nach einem Hotel eine Runde durch den Ort und lande schließlich im Hotel "Lamm". Ein 3-Sterne-Haus mit einem sehr schönen, modernen Zimmer - vor allem mit einer Badewanne inklusive Whirlpool, mein Körper dankt mir ein langes Bad.
Danach mache ich einen verhängnisvollen Fehler: ich ziehe mir die Blasenpflaster ab. Die Folge: an beiden Füßen blute ich total stark. Wie mir die Apothekerin, die ich aufsuche, sagt, ist das kein Wunder: Blasenpflaster legen sich wie eine zweite Haut auf die eigene Haut, ich habe mir mit anderen Worten grad ein wenig die Haut abgerissen. Die Apothekerin empfiehlt a) eine Salbe, b) ein normales Pflaster und c) dass ich am Folgetag einfach ausspanne, in Sterzing bleibe und mich dem Schonen meiner Füße widme. Ich bin damit einverstanden: morgen ist Ruhetag!
7. Tag: Sterzing
An meinem Ruhetag erwache ich mit Schmerzen an beiden Füßen. Laufen wäre heute absolut nicht drin gewesen. Ich eiere mehr oder weniger den ganzen Tag auf meinen Außenfersen durch Sterzing, bin unzufrieden. Mir schmerzen die Füße, andererseits würde ich am liebsten sofort weiterlaufen. Richtig ausgespannt jedenfalls habe ich nicht, die innere Ruhe hat gefehlt.
Gleichwohl: Sterzing ist eine Reise wert. Eine Kleinstadt, eine kleine Kleinstadt möchte ich fast sagen. Die aber eine wunderschöne Fußgängerzone hat mit sehr individuellen Geschäften, vielen Cafés und Kneipen, viel Straßenleben. Ich nutze den Tag, indem ich viel lese und Musik höre, einfach auf Bänken sitze und dem Treiben in der Stadt zuschaue. Ja, und mich auf den nächsten Tag freue, denn ich merke mittlerweile, wie sehr mir das Wandern ans Herz gewachsen ist und fehlt, wenn es mal - wie heute - nicht so richtig vorwärts geht.
8. Tag: Von Sterzing nach Vahrn
Welch ein Tag! Ich strarte früh in Richtung meines vermeintlichen Ziels Franzensfeste. Es dauert einige Zeit, bis ich aus Sterzing heraus bin, gehe dann Richtung Gasteig. Wenn im "Goetheführer"-Reiseführer davon die Rede ist, dass man "nach 1,5 km Richtung Elzenbaum" gehen müsse, dann stimmt das zwar - allerdings ist der Weg nicht ausgeschildert. Für alle, die ihn suchen wollen: es ist die erste Möglichkeit nach dem großen Autohof links, der ungepflasterte Weg mit dem Durchfahrt-Verboten-Schild. Wer (wie ich) den Weg verpasst, geht auf der Straße weiter und kann dann Elzenbaum von oben betreten. Der Ort ist klein, niedlich, schnuckelig, wirkt irgendwie wie aus dem vorvorigen Jahrhundert.
Auf einem schönen Feld- und Wiesenweg geht es nach Stilffes. An einer Bank mache ich eine kurze Pause, trinke Wasser und bin mit mir völlig im Reinen. Die Füße schmerzen zumindest in den Wanderschuhen nicht sehr stark, das Wetter ist gut, ich bin in herrlicher Landschaft unterwegs - was will man mehr? Ich blicke mich um, bin von Bergen und Wäldern und vielen Blumen umgeben - Glücksgefühl pur, ohne jede Einschränkung!
In Stillfes beginnt der bereits weitestgehend fertiggestellte Teil des Radwegs von Brenner nach Bozen. Der Weg ist wirklich gut ausgebaut (in den meisten Teilen der Strecke zumindest) und vor allem auch sehr gut ausgeschildert. Kleiner Wermutstropfen: der gepflasterte Weg strengt die Füße an.
Kurz nach Grasstein, an der Sachsenklemme, fängt es plötzlich an zu regnen - und zwar auf eine Art, wie ich es schon öfter erlebt habe: ein paar Tropfen, dann ganz plötzlich sehr stark. Zum Glück befinde ich mich direkt in der Nähe der Unterführung unter der Bahnlinie und der Autobahn zum Restaurant Sachsenklemme. Unterführung ist allerdings fast schon übertrieben. Das Ding unter der Bahnlinie ist etwa 1,50 Meter hoch, ebenso breit und etwa 50 Meter lang. Hier hocke ich mich nieder - das alles ist nicht lustig: außerhalb meines kleinen Tunnels regnet und gewittert es kräftig, über mir brettern die Züge. Wirklich wohl fühle ich mich nicht dabei.
In Mittewald (nicht zu verwechseln mit meinem Startort Mittenwald) mache ich eine Pause und mich dann aber zügig weiter in Richtung Franzensfeste. Was mich sehr ärgert: Der "Goetheweg"-Reiseführer gibt für die Strecke Mittewald - Franzensfeste einen Zeitraum von 2 Stunden 10 Minuten an. Ohne mich auch nur annähernd beeilt zu haben, schaffe ich die Strecke aber in knapp 45 Minuten. Auch wenn ich mich freue, dass ich eher da bin als geplant, finde ich die Ungenauigkeit sehr unglücklich.
Das im Goetheweg genannte Hotel zur Post befindet sich gleich am Ortseingang von Franzensfeste. Ich lasse es zunächst links liegen auf der Suche nach einer Alternative. Alternative? Noch ehe ich mich versehe, bin ich durch das Straßendorf hindurch - es ist nicht nur klein, sondern auch wenig attraktiv. Ich habe die Wahl: zurück zum Hotel oder weitergehen? Ich entschließe mich für letzteres, ohne zu wissen wohin mich der Weg noch führt. Ich denke, dass ich an der erstbesten halbwegs attraktiven Übernachtungsmöglichkeit Halt machen werde.
Ich wähle den Radweg, der mich mehr oder weniger immer westlich der Autobahn entlang führt. Ich trotte mittlerweile nur noch vor mich hin, bin ziemlich kaputt und die Fortbewegung hat auf diesem Abschnitt was Manisches. Ich nehme meine Umgebung kaum noch wahr.
Irgendwann merke ich, dass ich kurz vor Vahrn bin. Ich gönne mir fünf Minuten Pause, trinke was und schaue im Internet meines Handys nach: Vahrn nennt sich Urlaubsregion - da dürfte ein Hotel kein Problem sein.
Denkste. Ich trotte durch den Ort und finde nichts. Erst ganz am Ende stoße ich auf eine Pizzeria, die Zimmer vermietet. Die Pizza und das Bier entschädigen für einen SEHR langen Tag!
9. Tag: Von Vahrn nach Waidbruck
Selten so viel geschlafen wie nach dem langen gestrigen Tag... Ich starte um kurz vor neun in den vorletzten Tag und gönne mir Muße: Bereits nach einer guten halben Stunde komme ich in der Brixener Innenstadt an und gönne mir einen Cappuccino in der Altstadt. Es herrscht Traumwetter und ich bin guter Dinge - das Finale steht bevor! Brixen mag ich sehr, ich nehme mir fest vor, es nicht bei diesem Kurzbesuch zu belassen, sondern bald noch einmal hinzufahren (was ich dann auch, von Bozen aus, wenige Tage später tue).
Die Strecke von Vahrn nach Waidbruck ist insgesamt wenig spektakulär. Ab Brixen folge ich zunächst kilometerlang dem linken Eisack-Ufer bis Albeins, dann weiter bis zum angeblich so berühmten "Weißen Rössl" in der Nähe von Feldthurns. Dort verpasse ich den Übergang über die Eisack und gehe weiter auf der kleinen Straße linker Hand der Eisack bis Klausen.
Warum erwähnt der "Goetheweg"-Reiseführer Klausen nicht? Eine zwar kleine, aber sehr attraktive Stadt. Kleine Gässchen, sehr alt. Im "Goldenen Adler" mache ich eine Pause und stoße auf einen sehr aufmerksamen Wirt: ohne dass ich ihn darum bitte, füllt er meine Wasserflasche - nicht nur mit Wasser, sondern auch mit gestoßenem Eis, "damit es länger kühl bleibt", wie er sagt.
Ich laufe danach bis Waidbruck, am Radweg entlang.
In Waidbruck gehe ich zunächst in den Ort, um zu gucken, ob es eine Alternative zur direkt an der Hauptstaße liegenden Unterkunft "Starzer" gibt. Gibt es aber nicht, ich quratiere mich daher im Gasthof Starzer ein. Es ist dort (zumindest draußen, auf der Terrasse) allerdings wirklich sehr laut.
Nach einem wunderschönen Abend, den ich mit einer Radfahrertruppe aus Dinslaken und viel Lachen und mit vielen Geschichten aus dem Ruhrgebiet erlebe, geht es ins Bett - der Finaltag wartet!
10. Tag: Von Waidbrück nach Bozen
Der große letzte Tag. Ich habe nicht gut geschlafen, bin immer wieder aufgewacht, habe gelesen, iPod gehört und mir die Zeit mit der langen John-Wayne-Nacht in der ARD verkürzt. Beim Frühstück noch kurz ein Gespräch mit den Dinslakner Radlern, dann geht es los.
Der Weg geht komplett an der Eisack entlang, es ist der (allerdings noch nicht vollständig fertig gestellte) Radweg nach Bozen. Noch nicht komplett fertig gestellt heißt: zwischendurch gibt es immer mal wieder Passagen, die noch im Bau sind und die man irgendwie umschiffen muss. Ich konnte sie relativ problemlos bewältigen, allerdings war ich an einem Samstag unterwegs und auf den Baustellen wurde nicht gearbeitet. Ich weiß nicht, wie das an einem normalen Wochentag aussieht.
Allerdings waren Mitte Juni 2009 die Arbeiten so weit fortgeschritten, dass man sagen kann, dass der Weg in wenigen Wochen fertig gestellt sein dürfte.
Ob die Fertigstellung des Radweges ein Fluch oder ein Segen ist? Ich finde, das kann man zumindest diskutieren. Einerseits bietet der Weg sicher eine gut ausgebaute und -geschilderte Strecke von Brenner bis Bozen, inklusive der im Entstehen befindlichen Infrastruktur (Unterkünfte, Verpflegungsmöglichkeiten etc.). Andererseits aber ist das eine Teerpiste, die sich in Teilen zwischen Autobahn, Eisenbahn und Bundesstraße zwängt und echte Wanderromantik in freier Natur nicht wirklich aufkommen lässt. Hinzu kommt, dass die Radfahrer die Strecke offenbar als ihr Eigentum anerkannt haben und entsprechend schnell und wenig rücksichtsvoll fahren. Das alles war JETZT noch kein großes Problem, könnte aber eins werden, wenn der Radweg erst einmal komplett fertiggestellt ist und sich sein Komfort in Radlerkreisen rumgesprochen hat - was naturgemäß nicht lange dauern wird.
Im "Goetheweg"-Reiseführer sind 21 km angegeben, das passt. NICHT passen tut mithin der Hinweis in dem genannten Reiseführer, dass man den Völser Steig nach 21 km erreicht. Wie auch bei einer GESAMTstrecke von 21 km. Man erreicht ihn nach 8 Kilometern.
Blöd wie ich bin, folge ich der falschen von zwei Ausschilderungen, nämlich der den Völser Steig hinauf. Nach 15 Minuten weiß ich, warum das "Steig" heißt, nach 30 Minuten gucke ich nassgeschwitzt auf die Karte und drehe um. Der Weg über den Völser Steig ist sicher attraktiv, aber er hätte mich gute zwei Stunden gekostet, die ich heute, am letzten Tag, nicht opfern will. Ich gehe also wieder zurück und an der Eisack entlang.
Im Grunde gibt es von dem heutigen Teilstück wenig zu berichten. Ich merke irgendwann, dass Bozen einen magischen Reiz auf mich hat: ich will dort ankommen! Nicht weil ich keine Lust mehr am Wandern habe, sondern weil ich mir sagen will, dass ich es geschafft habe.
Enttäuscht bin ich ein wenig von der Ankunft in Bozen. Meine Phantasie hat gerade für diese Finalstation ein sich öffnendes Tal vorgesehen, ein wunderschöner Blick, paradiesische letzte Meter - in der Praxis kommt man über Autobahnausfahrten, Straßenkreuzungen und ein riesiges Industriegebiet in Richtung Altstadt. Die wird sich aber als wunderschön herausstellen!
Ich gönne mir zum Abschluss ein mehr als schönes Hotel für einige Tage - die Tour ist beendet.
Fazit
Welches Fazit kann man ziehen, wie kann man das in Worte fassen, was ich fühle, wenn ich an die Tour denke? Es war wunderschön, das steht ganz vorne. Natürlich war es auch anstrengend, natürlich habe ich manchmal geflucht und mir überlegt, wie blöd ich eigentlich bin und mich gefragt, warum ich nicht den Bus nehme, um in Bozen anzukommen. Aber keiner, KEINER dieser ansatzweise negativen Aspekte hat mir auch nur ansatzweise den Spaß an der Wanderung genommen. Auch nassgeschwitzt, auch bei heftigster Anstrengung, auch bei Regen war immer ein ungeahntes Glücksgefühl vorhanden, das sich leider nur sehr schwer in Worte fassen lässt.
Mich hat in diesen zehn Tagen ein Virus gepackt - und der heißt unter anderem auch: nächstes Jahr geht es erneut auf eine Wanderung, ganz allein... Erste Überlegungen nach dem "wohin" laufen bereits...